Die Geschichte der japanischen Drachen

 Die ersten Drachen, so die Annahme, wurden mit buddhistischen Missionaren von China nach Japan eingeführt. Dies geschah in der Nara-Zeit (649-749 n.Chr.), in der die Drachen überwiegend in religiösen und Dankeszeremonien eingesetzt wurden.

In einem antiken japanischen Wörterbuch, datiert von 981 v.Chr., wurde erstmals das japanische Wort für Drachen registriert. Man benutzte die Schriftzeichen für „Kami Tobi“, das übersetzt Papier-Habicht bedeutet – aus dieser Bezeichnung schließt man, dass die ersten Drachen in Vogelform gebaut wurden. Die Japaner übernahmen vieles der ursprünglichen chinesischen Kultur, aber entwickelten gleichzeitig ihre eigenen charakteristischen Drachendesigns und Traditionen.  Von den frühen Anfängen an wurden die Drachen zu praktischen Zwecken eingesetzt, so beim Bau von Heiligtümern und Tempeln in Japan, wo große Drachen benutzt wurden, um Dachplatten und anderes Baumaterial zu den Arbeitern auf den höhergelegenen Etagen hochzutransportieren. 

Dass die Drachen auch zum Transport von Menschen gebaut wurden, zeigt die Geschichte vom Krieger Minamoto-no-Tametomo, der im 12. Jahrhundert lebte. Dieser wurde zusammen mit seinem Sohn auf eine Insel verbannt.  Minamoto-no-Tametomo war über die Einsamkeit seines Sohnes betrübt und baute einen großen  Drachen, um gemeinsam zum Festland fliehen zu können.

In der Edo-Zeit (1603-1867) isolierte sich Japan vollständig vom Ausland. In dieser Zeit entstanden die schönsten Drachen, die wir heute kennen. Es gibt ungefähr 130 Stilrichtungen und Drachenarten, jede Region hat ihre eigene, für sie typische Ausformung. Im Allgemeinen sind die Drachen mit Figuren der japanischen Folklore oder Mythologie verziert oder haben religiöse oder symbolische Bedeutungen.

Verwendet werden helle natürliche Farbpigmente, Sumi (schwarze Tinte) sowie Washi Papier (handgeschöpftes Papier) und Bambus – oder Zypresse in Regionen, wo Bambus nicht wächst. Den Bambus-Rahmen nennt man Knochen, das Papier die Haut des Drachen. Heute wird üblicherweise der Name „Tako“ verwendet, welcher sich angeblich von „Tokyo“ ableitet, wo die Drachen besonders populär sind. Das japanische Wort „Tako-Kichi“ bezeichnet jemanden, der „Drachen versessen“ ist.

Drachenfeierlichkeiten in Japan

Traditionell lässt man in Japan die Drachen am 5. Mai, dem  „Tag des Jungens“  (5. Tag im 5. Monat), zu religiösen Veranstaltungen, an Feiertagen und zum Neujahr steigen. Zu den Erntedank-Feierlichkeiten werden Reispflanzen an die Drachen gebunden, um symbolisch für eine gute Ernte zu danken. Andere sind mit einem dämonischen Antlitz bemalt und sollen das Böse abwehren. Einer der berühmtesten Kampfdrachen-Wettbewerbe ist Hamamatsu, wo verschiedene Mannschaften mit ihren Kampfdrachen gegeneinander antreten, während mehr als 2.000.000 Zuschauer zusehen.

Eine weitere japanische Tradition ist der Glücksbringer-Drachen, der dem erstgeborenen Sohn geschenkt wird. Dies sind Drachen mit gemalten Heldenfiguren oder Göttern, die den Neugeborenen beschützen und sicher ins Erwachsenenalter begleiten sollen. Fukusue, der Zwerg mit dem großen Kopf, soll Glück und Segen bringen. Kraniche oder Schildkröten sind Symbole für ein langes Leben. Das beliebteste Motiv ist Kinorta. Die Legende besagt, dass Kinorta ein kleiner Junge war, der von seinen Eltern in einem Bergwald ausgesetzt wurde, wo er unter Bären aufwuchs. Er wuchs zu einem klugen, sehr starken jungen Mann heran. Kinorta wird oft mit einem Karpfen dargestellt, einem weiteren Symbol für Stärke und Tapferkeit, da der Karpfen gegen den Strom schwimmt, um zu laichen.

Japanische Drachen – Stilarten und Größen
Es gibt viele verschiedene japanische Drachen-Stilarten und jede hat seinen eigenen Ursprung und Bedeutung. Hier folgen ein paar Beispiele der berühmtesten japanischen

Drachen-Stilarten:
Der Edo Drachen ist wohl der bekannteste japanische Drachen. Er hat seinen Namen nach Edo, dem alten Namen für Tokyo. Der Edo Drachen ist rechteckig und hat viele Steuerungsschnüre (zwischen 3 und 14, um genau zu sein). Er ist mit detaillierten Illustrationen von berühmten Kriegern, Kabuki Schauspielern, Priestern oder Geishas verziert. Diese werden vorzugsweise im Ukiyo-e Stil gemalt, anlehnend an die beliebten Holzbilder aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Wie die meisten der japanischen Drachen hat der Edo Drachen keinen Schwanz. Eine verbreitete Weisheit in Japan besagt, dass ein Drache, der einen Schwanz zum Fliegen benötigt, nicht gut entworfen ist. Nur bei starkem Wind wird ein Schwanz zur Stabilisierung befestigt.

Der Rokkaku Drachen ist auch berühmt. Rokkaku bedeutet Sechseck. Dieser Drachen zeichnet sich durch seine einfache Konstruktion, durch seine Stabilität und hervorragenden Flugeigenschaften aus.  Diese Art von Drachen kommt aus Sanjo, im nördlichen Teil Japans gelegen, und wird auch Sanjo-Rokkaku genannt. Dieser Drachen wird in allen Größen gebaut, er fliegt unter allen Windverhältnissen sehr stabil. Heutzutage wird er aus den unterschiedlichsten Materialien gebaut und ist weltweit verbreitet.

Der Tsugaru Drachen hat seinen Namen vom Tsugaru Distrikt bekommen, der im nördlichen Teil von Aomori liegt. Dieser unterscheidet sich markant von anderen japanischen Drachen. Das Gestell ist, statt aus Bambus wie bei den anderen, aus Holz gefertigt. Imponierend sind die verwendeten Illustrationen, die die dekorativsten in ganz Japan sind.

Die Japaner sind seit jeher von den ganz großen Drachen fasziniert. Auf nur wenigen Drachenfestivals in Japan kann man diese gigantischen Drachen in Aktion erleben. Einer der größten Drachen Japans überhaupt war der Wan Wan Drachen mit einer Gesamtbreite von 24 Metern. Ein anderer Drachen, der 1914 gebaut wurde, wog 2,8 Tonnen und benötigte 150-200 Männer, um ihn steigen lassen zu können. Die Schwänze waren 500 Fuß lang und wurden, wie die Drachenleinen, aus Schiffs-Ankertauen gefertigt.  Wenn der Wind zu stark wehte, war es nicht möglich, diesen Drachen an Land zu ziehen, deswegen wurde er am Boden verankert, bis der Wind soweit abflaute, dass der Drachen von alleine zu Boden segelte. Leider werden die großen Wan Wans nicht mehr gebaut.

Die größten Drachen, mit denen heutzutage noch geflogen werden, findet man jährlich in Hoshubana am 5. Mai, dem „Tag des Jungen“. Die Legende besagt, dass vor ca. 200 Jahren der örtliche Priester den Bauern den Rat gab, Drachen in den Himmel steigen zu lassen, wo Regen, Wind und Blitze herkommen. Dies würde den Göttern gefallen und hätte einen beruhigenden Einfluss auf das Wetter, was wiederum der Produktion ihrer Seidenraupe zugutekommen würde. Die anfänglichen Drachen bauten die Bauern selber, und da die Ernte jedes Jahr reicher ausfiel und der Wohlstand stieg, so wurden auch die Drachen jährlich größer. Heutzutage sind diese Drachen über 15m hoch, 11 m breit und wiegen über 800 Kilo. Über 1500 Bögen Papier werden für die Fertigstellung des Drachen benötigt und mehr als 100 Menschen, um den Drachen zu tragen und steigen zu lassen. Auf Grund ihrer Größe werden diese Drachen „100 Mat Drachen“ genannt.

In Japan findet man nicht nur die größten Drachen weltweit, sondern auch die kleinsten. Seit Jahrhunderten werden diese Miniaturdrachen gebaut, die teilweise nur wenige Millimeter groß sind. Pensionierte Samurai-Krieger sollen aus Stroh und Seidenpapier diese winzigen Drachen gebaut haben, die sie dann in der aufsteigenden warmen Luft der Herde haben steigen lassen.
Die Drachentradition in Japan ist reichhaltig und ungemein interessant. Das „Japan“ Drachenfestival auf Fanø ist ein gute Gelegenheit, mehr über diese Tradition zu lernen und die speziellen japanischen Kunstwerke zu bewundern, während man den Sommer und die Schönheit Fanøs genießt